Strafe von Ferdinand von Schirach

von Corinna Feierabend

Von schlichter Schönheit ist die Sprache auch in Schirachs jüngst vorgelegtem Werk „Strafe“. Gestochen und schnörkellos wie in seinen ersten beiden Erzählbänden „Schuld“ und „Verbrechen“ ist auch in „Strafe“ kein Wort je zu viel oder fehl am Platz. Meisterhaft skizziert der Autor in wenigen Sätzen Bilder, die der Leser so schnell nicht vergisst.

„Strafe“ vereint zwölf atemberaubende, abgeschlossene Geschichten, die einen in ihrer Wucht für Minuten sprachlos zurücklassen. Es geht auch immer um Tod und Verbrechen, aber dem ehemaligen Strafverteidiger Schirach ist die Frage nach dem Whodunit zu profan. Vielmehr beleuchtet er klug die Lebensumstände seiner Figuren. Woraus sich möglicherweise erklärt, warum diese die wurden, die sie sind und warum sie so gehandelt haben. Oft findet der Leser Leerstellen, die ihm selbst die Möglichkeit bieten, den Text mit eigenen Gedanken zu verdichten. Der Autor gibt nur die Richtung vor und spielt gewissermaßen leise die Anfangsakkorde der Geschichten, deren verbindendes Motiv ein existentielles Fremdheitsgefühl der Figuren in der Welt ist.

Die letzte Story dieses Bandes „Der Freund“ handelt von der Wiederbegegnung eines namenlosen Ich-Erzählers und dessen Freund Richard aus der gemeinsamen Internatszeit nach vielen Jahren ohne Kontakt. Richard ist mittlerweile drogensüchtig und sichtlich am Ende. Beim nächsten Treffen zwei Jahre später erzählt Richard, dass seine Frau Sheryl an dem Abend, als die Beziehung zerbrach, im Central Park getötet wurde. Richard fühlt sich daran schuldig und sagt zu seinem Freund, seines Zeichens Strafverteidiger: “Vielleicht hast du Recht und es gibt kein Verbrechen und keine Schuld, […] aber es gibt eine Strafe.“ Kurz darauf nimmt er sich das Leben. Mit Richards Stimme lässt der Autor die titelgebenden, also zentralen Ideen seiner drei Erzählbände hier zusammenlaufen. Richards Freund, dessen Ähnlichkeit mit Ferdinand von Schirach unzweifelhaft ist, kündigt wenige Monate darauf seinen Job und beginnt mit dem Schreiben: „Ich dachte, ein neues Leben wäre leichter, aber es wurde nie leichter. Es ist ganz gleich, ob wir Apotheker oder Tischler oder Schriftsteller sind. Die Regeln sind immer ein wenig anders, aber die Fremdheit bleibt und die Einsamkeit und alles andere auch.“

Sehr gut zu lesen, vorzulesen, zu durchdenken und zu diskutieren. Für mich ein Meisterwerk!

 

Schirach, Ferdinand von
Luchterhand Literaturverlag
ISBN/EAN: 9783630875385
18,00 €
Kategorie:
Erzählungen