Das Teemännchen von Heinz Strunk

von Corinna Feierabend

Erstmals wendet sich Heinz Strunk hier dem Genre Erzählung zu. 2004 reüssierte er erfolgreich als Autor mit dem autobiografischen Jugendklamaukroman „Fleisch ist mein Gemüse“ und wurde zuletzt verdientermaßen für seinen Kiez- und Killerroman „Der goldene Handschuh“ mit Preisen geadelt. Mit „Das Teemännchen“ versucht er sich jetzt erstmals an der kleinen Form, was ihm nicht minder gut gelungen ist. Der Band versammelt fünfzig Kurz- und Kürzestgeschichten, einige kaum länger als eine halbe Seite. Befremdliches, Trauriges und Skurriles. Alles prächtig erzählt. Der Leser wird mitgerissen in schrullige, phantastische, melancholische und semi-reale Strunk-Welten.

Die titelgebende Geschichte beschreibt das Versagen von „vielleicht Michael oder Matthias oder Martin“, ein Bummelstudent irgendwelcher Geisteswissenschaften, der „wirkt wie verpuppt und nie ausgeschlüpft.“ Als er ohne Abschluss endlich die Uni verlässt, fragen seine Eltern, bei denen er noch wohnt, „wie er sich seine weitere Zukunft vorstelle, was nun bitte schön bitte schön aus ihm werden solle. Wenn er das nur selber wüsste!“ Er eröffnet einen Teeladen, „wo er doch selber so gerne Tee trinkt, da kennt er sich aus. […] Tee, weicher, milder Tee, das passt vielleicht zu ihm, aber nicht in diese freudlose, schäbige Gegend hier, eine Gegend der harten Kaffee- und Schnapstrinker.“ Und man ahnt schon, wie der Laden laufen wird.

Andere Geschichten sind inspiriert von wahren (Strunk-)Ereignissen. So beschreibt „Living in the Past“ eine Wiederbegegnung in Hamburg-Harburg, der Heimat des Autors, mit einem Freund seines vermeintlichen Alter Ego. Trotz der Wiedersehensfreude auf beiden Seiten stellt sich schnell heraus, dass der Freund seit dreißig Jahren in jeder Hinsicht in der Vergangenheit hängen geblieben ist. Eine weitere Erzählung, „Ein Weltstar“, nimmt das AC/DC-Konzert in Hamburg 2016 zum Ausgangspunkt, bei dem der Sänger der Band Guns´n Roses, Axl Rose, den AC/DC-Sänger würdig vertrat. So in Wahrheit geschehen. Die Geschichte nun erzählt eindrucksvoll von dem After-Show-Besuch des alternden Axl Rose in einem Club auf St. Pauli, wo seine Anwesenheit zunächst für ungläubiges Aufsehen sorgt. Er genießt es, im Mittelpunkt zu stehen, doch Minuten später schon erlischt das Interesse des feierlustigen Jungvolks an dem alternden Star und er bleibt allein in einer Ecke hocken.

Der lakonische Erzählton, den der Autor – übrigens von Haus aus Musiker - in seinen ersten Romanen nur anklingen ließ, spielt in diesen Geschichten die Erste Geige. Süffig zu lesen, auf den Punkt formuliert, anregend zum Nachdenken – ganz Strunk eben

Strunk, Heinz
Rowohlt Verlag
ISBN/EAN: 9783498064495
20,00 €
Kategorie:
Roman