Die Schönheit der Nacht von Nina George

von Corinna Feierabend

Trotz des trashig-trivial anmutenden Titels ist dieser Roman ein berauschendes Sommerbuch, das Lust macht auf Ferien in der Bretagne. Hier verbringt die Hauptfigur Claire mit ihrem Mann Gilles und dem 22jährigen Sohn Nico jedes Jahr den Juli in einem alten Haus am Meer. Erstmals mit dabei ist auch Nicos neue Freundin Julie, denn zwischen den beiden scheint es ernst zu sein. Julie und Claire fühlen sich bald auf eigentümliche Weise zueinander hingezogen, aber bleiben dennoch distanziert beim Sie. Julie ist Nichtschwimmerin, während das Meer für Claire Lebenselixier und Leidenschaft zugleich ist. Also bringt sie Julie das Schwimmen bei und dabei kommen sie sich näher.

Dies ist allerdings keine Coming-out-Geschichte, sondern es geht um mehr: Um den Wunsch, die Möglichkeiten und die Grenzen des Gesehenwerdens durch den Menschen an unserer Seite, auch und gerade nach vielen gemeinsamen Jahren in einer Ehe oder Beziehung. Claire hat als Professorin für Verhaltensbiologie dazu kluge Gedanken und Beobachtungen, doch auch sie ist jenseits von Wissenschaft und Fachbüchern auf diesem Gebiet so fehlbar wie Gilles, Julie, Nico und die zum französischen Nationalfeiertag angereisten Gäste. Obwohl Claires Ehe mit Gilles zunächst solide scheint, wird schnell deutlich, dass sie sich darin immer weniger als sie selbst fühlt. Auch Julie erkennt, dass es in ihrem Leben künftig nicht einzig darum gehen kann, die Frau-von zu sein und sich zusammenzufalten, wie es bildhaft heißt, nachdem Nico ihr einen Heiratsantrag gemacht hat.

„Die Schönheit der Nacht“ ist ein gut erzählter Roman mit genauen Beobachtungen über Freundschaft, Liebe, Ehe, Kinder und Frausein: „Wie viele Frauen ist eine Frau? Und wie viele Jahre fließen davon, bis eine Frau das Eigene gefunden hat?“ Auch wurde wohl selten so treffend formuliert, wie Mutterschaft eine Frau innerlich zerbröseln lässt: „Männer würden nie erfahren, wie es ist, nicht mehr allein im eigenen Körper zu sein. […] Vielleicht ist es das, was uns Frauen dazu bringt, Geheimnisse und Liebhaber zu haben: jemanden, der uns ansieht und nicht `Mutter´ denkt, sondern jemand, der uns ansieht und `Weib´ denkt.“

Dennoch ist dies auch kein sogenannter Frauenroman, im Gegenteil! Leser wie Leserinnen werden darin interessante Blickwinkel und Facetten für ein Leben zu zweit oder allein entdecken. Letztlich ein Roman über persönliche Freiheit.

George, Nina
Droemer Knaur
ISBN/EAN: 9783426654064
18,99 €
Kategorie:
Roman